Jiny kennzeichnet seit ihrer Kindheit ein rebellischer Geist, der für sich selbst ebenso wie für die Gerechtigkeit als solche kämpft und in diesem Zug als Künstler und Aktivist ein feministisches Profil angenommen hat.
Als vierte und nicht grade willkommene Tochter ihres Vaters gefiel es ihr nicht, dass ihr jüngerer Bruder offenbar der bevorzugte männliche Schatz der Eltern war (ihr Vater brachte drei Töchter in die 2. Ehe mit). Sie wehrte sich von klein auf dagegen, den Erwartungen an eine gefügige Tochter zu entsprechen, was man von ihr vergebens erhoffte…
An den Studentenprotesten auf dem Tiananmen-Platz nahm sie von Anfang an Teil, bis ihre Füße sie im Stich liessen, die sich durch Belastung, Regen und den Schmutz entzündet hatten: als sie ihre verklebten Socken nicht mehr ausziehen und kaum noch laufen konnte, musste sie nach Hause zurückkehren, was wahrscheinlich ein Glücksfall war, da sie so der Niederschlagung der Bewegung durch Militär und Polizei entging.
Nach ihrem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften im Jahr 1991 entschied sie, dass dies nicht ihr Ding sei, und schrieb sich in einer Zeit relativer, aber tatsächlich zunehmender Liberalisierung an der Hangzhou Fine Arts Academy ein. Da sie das zweite Studium selbst finanzieren musste, arbeitete sie als Porträtistin und Plakatmalerin in verschiedenen Bereichen. Nach ihrem Abschluss gelang es ihr eine Stelle als eine der Kunstredakteurinnen der People’s Daily – DEM Sprachrohr des Establishments – zu erhalten; allein, eine verheerende Erfahrung während einer Affäre mit einem der sogenannten Princelings (Söhne der machthabenden Elite aus der Zeit um Mao) brachte sie endgültig dazu, China zu verlassen und nach Deutschland zu gehen.
Jiny ist ebenso kommunikativ wie intelligent und risikobereit – was einer der Gründe für ihren erfolgreichen Aufstieg als Einwandererkünstlerin zwischen Ost und West ist (der andere ist ihr herausragendes künstlerisches Talent). Viel wurde über ihre feministische Karriere als eine der (drei) Bad Girls, die zu den Bald Girls wurden (bold girls könnte man sie ebenso nennen), und über zahlreiche Performances in einer Variation der Beuysschen Sozialskulptur geschrieben; und ebenso über ihre kritische Auseinandersetzung mit den politischen Themen der Zeit, bei der sie sich keinem der offiziellen ‘Lager’ zu- oder unterordnen lässt. Am auffälligsten ist ihr Witz, mit dem sie politische und gesellschaftliche Kritik mit einem tiefgründigen Repertoire an bewusst übernommenen Symbolen aus beiden Hemisphären verbindet – eines der offensichtlichsten Beispiele das Gemälde „BuddhaLisa” an der Seidenstraße….
Ihr Können, Bedachtsamkeit und wohl auch ihr Glück ermöglichten und ermöglichen es ihr, weiterhin regelmäßig nach China zu reisen – obwohl einige ihrer Gemälde dort verboten und aus Ausstellungen entfernt wurden. Möge ihr guter Engel sie weiterhin bei ihrem Bestreben schützen, einen Beitrag zur allgemeinen Gleichberechtigung und einer echten Vermittlung – und damit Versöhnung – von Ost und West zu leisten!
Hingewiesen sei auf die grade erschienen Biografie: JINY LAN, The Art of Subversion, von Qinna Shen.